Neue Skulpturen im öffentlichen Raum

von Carla Schulz-Hoffmann, 2016

Im Werk von Gabriela von Habsburg nimmt die Skulptur im öffentlichen Raum eine zentrale Position ein. Geprägt von unterschied­lichsten, sich vernetzenden Ansätzen, frei von leerem Pathos und groBer Geste, konzentrieren sich in dieser Aufgabe die der Künstlerin besonders wichtigen Vorstellungen: Klarheit der Setzung und Leichtigkeit der Jorma, Orts- und Themenbezogenheit, kom­munikative Kraft, aber ebenso Offenheit und Durchlässigkeit im unmittelbar materiellen wie auch übertragenen, inhaltlichen Verständnis. Gabriela von Habsburg teilt den Zweifel der Moderne an der großen Form um ihrer selbst willen, sie misstraut jeder theatralischen Überhöhung, aber dennoch behaupten sich ihre eindrucksvollsten Werke selbstverständlich im frei zugänglichen und diesen zugleich prägenden Außenraum. Darin liegt nur scheinbar ein Widerspruch, denn die Skulpturen verweigern sich trotz ihrer oft monumentalen Dimensionen jeglicher leeren Monumentalität, bedingt durch den zurückhaltenden, oft fast fragilen Einsatz des Materials. Besonders dort, wo die Künstlerin den Standort des Werkes mitbestimmt hat, ist es nicht Möblierung oder Fremdkörper, sondern geht eine Verbindung mit der Umgebung ein, ohne sich zu ducken.
Skulptur im öffentlichen Raum wird nicht als Denkmal in seiner traditionellen Funktion als Monument historischer Ereignisse und individueller Größe verstanden. Das Thema ist allerdings ebenso wenig die abstrakte Skulptur als nur auf sich selbst verweisendes autonomes Objekt. Gabriela von Habsburg stellt vielmehr das komplexe Verständnis von Materie und Raum in seiner Relation zum Menschen wie zugleich dessen unmittelbare Einbindung in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen.
Dabei gibt es unterschiedliche Akzentuierungen oder besser eine inhaltliche Stufenfolge, die sich an der Aufgabe orientiert und die sich an den drei großen, 2007 im öffentlichen Raum installierten Arbeiten beispielhaft nachvollziehen lässt: Franke Coffee Bean (Aarburg/Schweiz), Horseshoe and Wheel (Astana/Kasachstan), Denkmal zur Erinnerung an die Rosenrevolution (Tbilisi/Georgien).
Ebenso leichtfüßig wie selbstbewusst, ebenso markant wie beweglich positioniert sich im schweizerischen Aarburg das über 9 m hohe kinetische Stahlobjekt Coffee Bean als Signet einer Firma, die Kaffeemaschinen produziert. An einer Stele sind in leichter Schräglage parallel übereinander dreiundzwanzig, von der Mitte aus sich nach unten und oben verjüngende Scheiben so angeordnet, dass sie ein Ellipsoid ergeben. Durch die Zwischenräume und die Offenheit zu den Rändern hin entsteht der Eindruck einer durchlässigen, beweglichen, ja fast ephemeren Struktur. Diese überdimensionale, stilisierte Kaffeebohne dreht sich um die eigenen Achse und wirst so, je nach Sonneneinstrahlung, subtile Schatten auf die streng konstruktive, klare Architektur dahinter. Die Skulptur wird zum Logo für den transportierten Inhalt, für die, wenn man so will, Flüchtigkeit des Kaffeegenusses, aber auch für eine zugleich mitgedachte Zurückhaltung, die nicht auftrumpfen muss, um zu wirken und die die Installation trotz ihrer Größe elegant, harmonisch und im besten Sinne unprätentiös erscheinen lässt.
Einen entscheidenden Schritt weiter geht dann Horseshoe and Wheel: Auf der Prachtmall von Astana, der auf dem Reißbrett entworfenen neuen Hauptstadt in mitten der Steppe der dynamischen jungen Republik Kasachstan, hat die Künstlerin auf Einladung des Präsidenten Nursultan Nasarbajew ein Projekt realisiert, das sie vor ganz andere Herausforderungen gestellt hat. In der boomenden Metropole voller Baulärm, die durch die Widersprüche eines rasanten Wachstums unter extremen Naturvoraussetzungen ebenso geprägt ist wie von Problemen einer sich erst allmählich findenden Nation, ist Gabriela von Habsburg mit viel Fingerspitzengefühl und Pragmatismus sowie einer gehörigen Portion spielerischer Nonchalance eine Balance zwischen inhaltlicher und ortsspezifischer Fokussierung gelungen. Die in Entsprechung zur Architektur groß angelegte Brunneninstallation Horseshoe and Wheel verbindet die Traditionen eines nomadisierenden Reitervolkes mit Zeichen moderner Technologie: Sechzehn stilisierte, einen Kranz bildende Hufeisen aus Chromstahl symbolisieren vier in alle Himmelsrichtungen dem offenen Land entgegenstrebende Pferde. In Verbindung mit der Brunnenanlage, die das Wasser in Überfülle aus dem Zentrum nach oben druckt und dann auf die Skulptur zurückwirft entsteht der Eindruck von grenzenloser Freiheit und Offenheit gegenüber dem außen, ein Gedanke, der bewusst jede Statik und damit auch jede selbstherrliche Pose spielerisch unterläuft.

Eine noch breitere und ganz eigene Dimension gewinnt das Denk­mal »von der Jugend für die Jugend in Erinnerung an die große Tat junger Menschen für Georgien« (Gabriela von Habsburg), das als Hommage für die unblutige »Rosenrevolution 2003« im Sommer dieses Jahres in Tbilisi der Öffentlichkeit übergeben wurde. Es ist ein im besten Sinn demokratisches Kunstwerk, das die Künstlerin gemeinsam mit Studenten der dortigen Kunstakademie und in Absprache mit den beteiligten Gemeinden und der Bevölkerung umsetzte.
Ausgangspunkt war der Gedanke, aus sechzig verschiedenen Steinarten, Symbol für die Vielfalt des Landes, eine Einheit in der Vielheit zu schaffen. Alle Steinblöcke kamen aus unter­schiedlichen Regionen Georgiens und sind von daher individuell in Farbe und Struktur. Im ldealfall waren sie von dem jeweiligen Herkunftsort inklusive Transport und Aufstellung gesponsert und jeder Steinblock wurde einer Persönlichkeit gewidmet, die für die Entwicklung Georgiens wichtig war. Es konnten Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Feldern, Wissenschaftler, Künstler oder auch Sozialarbeiter sein, die Wesentliches zum jetzigen Stadium des Landes beigetragen haben, d. h. einen Prozess hin zur Demokratie mit unterstützt haben. Jun­ge Bildhauer erörterten mit Gabriela von Habsburg individuelle Losungen für die Bearbeitung der Blocke, die für die geologische Vielfalt Georgiens stehen. Verbindendes Thema war dabei lediglich die einheitliche Funktion als Sitzmöbel. Die Anordnung erfolgte nach dem Schema einer stilisierten Rose, durchzogen von Kanälen, in denen in dünnen Rinnsalen wie in einem Labyrinth Wasser fließt. Schon jetzt, kurz nach der Übergabe an die Öffentlichkeit, wird dieser Ort als kommunikatives Zentrum genutzt.
Die Idee des Denkmals, die diesen Platz prägt, wird damit durch Gabriela von Habsburg neu interpretiert: Das Denkmal wird als lebendiger Organismus, der die Einheit in der Vielheit täglich neu in der Beteiligung unterschiedlicher Individuen sichtbar werden lässt, der neue Strukturen und Kommunikationsfelder bildet.
Skulptur im öffentlichen Raum entspricht so dem Verständnis der Künstlerin von einer demokratischen, potenziell jedem zugänglichen, offenen Kunst. Damit insistiert sie zugleich auf der Wirkungsmöglichkeit künstlerischer Arbeit - dies nicht im Sinne konkreter Handlungsstrategien, sondern als Aufforderung zu kritischem, offenem Denken. Die Werke sind in ihrer Relation von Form und Raum, die stets in Bezug zum Menschen gesehen werden, auch immer Bereiche, in denen freies Atmen selbstverständlich wird. Gleichzeitig versuchen sie, im wörtlichen wie übertragenen Sinn neue Wege des Sehens und Begreifens anzudeuten:
Der Betrachter soll neue Durchblicke bekommen, neue Perspek­tiven kennen lernen, Bekanntes van einer neuen Seite anschauen lernen.« Mit dieser Bemerkung formuliert Gabriela van Habsburg eine Essenz ihres künstlerischen Ansatzes, der äußerste Präzision mit größtmöglicher Offenheit verbindet und so dem Einzelnen die Chance bietet, sich spielerisch in den Organismus des jeweiligen Werks einzufinden und es zugleich assoziativ für sich neu zu definieren wie auch zu einer Umwelt in Relation zu stellen.

Carla Schulz-Hoffmann